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| Aconcagua, 6962 m | Puneta del Inca - Verhandlungen mit den "Arrieros". |
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Zum 3. Mal steht mein blauer Seesack fertig gepackt bereit. Nachdem ich in den letzten Jahren allein auf den über 5000 m hohen Vulkanen Mexikos stand und mit einer Freundin den Kilimandscharo in Tansania überschritten hatte, ist es wieder soweit. Das Ziel soll diesmal der höchste Berg des Amerikanischen Kontinents sein, der Aconcagua. In unserer Gruppe "Sicher unterwegs" fand ich zwei Interessierte. Fritz kannte ich von einer Führungstour. Mit dem Summit-Club hat er den Mount Mc Kinley bestiegen. Walter will zum ersten Mal in Höhen über 5000 m vordringen. Da der Aconcagua der einzige Berg Südamerikas ist, für den man eine Genehmigung braucht, bekam unser Vorhaben auch einen Namen: "Klein-Expedition Nürnberg Aconcagua 1989" soll es heißen. Obwohl wir in den 5 Wochen unseres Aufenthalts in Südamerika recht gut lebten, war es eine Billig-Expedition. Ohne Zuschüsse oder Sponsoren mußten wir mit unserem Geld sparsam umgehen. Wir bezahlten alles aus eigener Tasche. Dennoch konnten wir die Kosten niedrig halten - der Höhenmeter für 50 Pfennige. In den nächsten drei Monaten trug jeder alles erreichbare Material über unseren Berg zusammen. Langsam wurde jedem von uns klar, worauf wir uns da einlassen wollen. Der Aconcagua mit 6.962 m ist der höchste Berg beider amerikanischen Kontinente. Die Erstbesteigung erfolgte durch den Schweizer Matthias Zurbriggen am 14.1.1897 im Rahmen einer großen Anden-Expedition. Die heutige Normaloute über die gletscherfreie Nordwestflanke ist technisch unschwierig. Wegen der großen Höhe und seiner exponierten Lage, er überragt seine Nebenberge um gut 1500 m, ist der Aconcagua jedoch mehr als andere Berge in den Anden, sehr häufig den starken Weststürmen ausgesetzt. Oberhalb 6000 m sind Windgeschwindigkeiten von 180 km/h und Temperaturen unter - 30 Grad Celsius keine Seltenheit. In den vergangenen Jahren wurde der Aconcagua über die Normalroute jeweils von etwa 500 Bergsteigern aller Nationen versucht. Nur ca. 30 % erreichten tatsächlich den Gipfel. Bei 20 % der registrierten Expeditionen gab es Verletzungen, vor allem Erfrierungen oder Todesfälle. Zwei Wochen vor unserer Abfahrt kommen noch Bekannte von Walter enttäuscht vom Aconcagua zurück. Sie waren in der besten Besteigungszeit Mitte Januar nur bis 5400 m gekommen und mußten im tagelang andauernden Schneesturm umkehren. Unsere Stimmung bezüglich der Gipfelchancen sinkt rapide ab. So verlassen wir Deutschland am 10. Februar 1989. Von Frankfurt über Brüssel - Dakar - Asuncion fliegen wir mit Lineas Aereas Paraguayas (LAP) nach Santiego de Chile. Zollabfertigung, unsere 26 kg schweren Seesäcke buckeln, Geld wechseln, im Tourist-Office ein Hotel reservieren lassen, dann zum Taxistand. Im Nu sind wir in unserem 8 Dollar Hotel, mitten in der City. Nach einer erfrischenden Dusche stürzen wir uns ins südamerikanische Leben, d.h. so südamerikanisch ist Santiago gar nicht. Hochhäuser, Fußgängerzonen und Straßencafes erinnern stark an Italien. Es ist eine lebhafte Atmosphäre. Wir finden noch Zeit den Stadthügel Cerro San Cristobal zu besteigen. Lange lassen wir uns nicht im Trubel der Stadt treiben. Der Expeditionsplan ruft. Wir wollen ja hoch hinauf. Proviant einkaufen, Gaskartuschen besorgen, wo und wann geht der Bus, alles Sachen die erledigt werden müssen. Der westliche Perfektionismus schlägt wieder zu. Es fällt schwer, die gewohnte Hetze und Hektik abzulegen. Am Samstag angekommen, sitzen wir schon am Montag im Bus zu unserem Trainings- und Akklimations -Fünftausender. Wir haben uns den San Jose, 5830 m im Grenzgebiet von Chile und Argentinien ausgesucht. Es hätte auch ein anderer sein können. Hauptsache schnell zu erreichen und hoch. Lo Valdes ist das letzte Dorf. Ein Bergwerk, einige Hütten in einem öden Schuttal. Völlig überrascht sind wir, als wir hier in einem idyllischen Wäldchen das Refugio Aleman sehen. Eine vom deutschen Andenverein bewirtschaftete Hütte mit allem Komfort. Erwartet haben wir eine vergammelte Biwakschachtel. Unser Berg schaut nicht besonders aus. Unter einem Fünftausender stellt man sich was anderes vor. |
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| Erste Flussquerung, nass und kalt. | Unser Arriero überholt uns im Horconestal am 2. Tag |
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Hochmotiviert rennen wir am nächsten Tag mit unseren schweren Rucksäcken los, finden jedoch den Zustieg nicht. So zelten wir am Fuß des Berges. Vormittags erreichen wir dann Ref. Plantat 3100 m, eine unbewirtschaftete Biwakhütte. Bei 3900 m errichten wir noch ein Materialdepot auf einer Moräne. Wieder diese endlose Moränenhatscherei bis zum Materialdepot, dann eine steile Gletscherzunge hoch, Lager 1 auf 4100 m. Über Büsserschnee und eine steinschlaggefährdete, steile Schuttreisse erreichen wir 4900 m, Lager 2. Am fünften Tag schaffen wir alle den Gipfel. Uber 5600 m bläst uns ein bisher noch nie erlebter kalter und heftiger Wind fast um. Jeder denkt dabei an den Aconcagua. Haben wir eine Chance bei dem Wind, 1000 m höher? Nach einem endlosen Abstieg über 3000 m an einem Tag, erreichen wir wieder Lo Valdes und fahren zurück nach Santiago. Acht Stunden dauert die Fahrt mit dem Bus von Santiago nach Mendoza in Argentinien. Es ist eine Gluthitze. Unser erster Gang in Mendoza ist zum Fußballstadion. Hier bekommt man beim Sport- und Touristenbüro die Genehmigung für den Aconcagua. Ein Antrag für die Expedition, einer für jeden Teilnehmer, Gesundheitszeugnis, Ausrüstungsliste, Tourenliste und Zeitplan hatten wir schon zu Hause vorbereitet und so erhalten wir das Dokument innerhalb einer halben Stunde. Die ersten Hürden wären genommen !! Mendoza ist das Zentrum des argentinischen Weinbaus. Es ist die grünste Stadt, die ich bisher gesehen habe. Fast jede Straße eine Allee. Ohne diese grünen Passagen wäre die Hitze nicht zu ertragen. Nach zwei Tagen relexens erfasst uns wieder der "Packwahn". Unser Hotelzimmer sieht aus, als habe eine Bombe in ein Sportgeschäft eingeschlagen. Heute geht es los ! Um sechs Uhr früh
fährt der Bus. Um 5 Uhr stehe ich an der Rezeption unseres
Hotels um zu bezahlen. Mein Blick fällt zufällig auf
die Hoteluhr. Sie zeigt auf 6 Uhr. Na ja, denke ich, typisch
Südamerika, nichts funktioniert. Auf der zweiten Hoteluhr
auch 6 Uhr, auch der Portier bestätigt diese Zeit. Walter
und Fritz kommen mit unserem schweren Gepäck hinzu. Hektik
- Panik - der Bus ist weg, Fritz ist verzweifelt. |
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| Basislager, Plaza de Mulas, 4300 m | Aufstieg Richtung Lager I |
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Bis Puente del Inca sind es ca. 200 km
Fahrt. Hier ist für uns die Zivilisation zu Ende. Ein Militärlager,
zwei Hosterias, einige armselige Mulitreiber-Hütten, ein
Friedhof und eine Naturbrücke über den Rio Mendoza.
Die noch vor einigen Jahren beschriebenen "herrlichen Thermalquellen"
sind vergammelt. Der Weg führt durch eine absolute Mondlandschaft. Es sieht aus, als habe hier jemand mit einem riesigen Bagger gespielt. Steine, Moränen und steile Schuttberge. Die Berge bestehen hier nur aus Schutt und der Aconcagua ist der Höchste. Am zweiten Tag überholt uns unser Mulitreiber mit unseren Seesäcken. Er ist einen Tag später aufgebrochen, zu Pferd geht es doch schneller. Nach neun Stunden erreichen wir Plaza de Mulas. Hier ist also der Ausgangspunkt für
die Realisation unserer Träume. Nüchtern gesehen sind
wir am Ende der Welt, keine Pflanzen, kein Grün, nur braunes
Geröll, ein öder Platz, kein Ort zum Leben. |
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| Lager I, Nido de Ciondores, 5400 m | Aufstieg Richtung Lager II |
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| Blick in die Vorberge | Blick auf Lager II, Plantamura, 5900 m |
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Montag, es beginnt unsere Arbeitswoche: Materialdepot auf 5400 m. Das Wetter ist gut, unten Sonne, oben tobt ein Höhensturm. Walter und Fritz rennen los, sie sind heute sehr schnell. Mir geht es nicht so gut. Jeder Schritt die totale Uberwindung und trotzdem komme ich nicht voran. Bleiern die Beine, bleiern die Gedanken. Alles zieht sich wie Kaugummi. Auf Nido de Condores warten Walter und Fritz. Wir deponieren hier einen Seesack und steigen wieder ab. Drei Tage brauchen wir noch, dann steht unser Zelt auf Plantamura 5900 m hoch. Bisher läuft alles super, no problems. Nur einmal in Lager 1 tobte nachts der Sturm und brachte 10 cm Neuschnee. Heute ist Freitag, um 5 Uhr piept der Wecker. Wir machen uns fertig für den Aufstieg zum Gipfel. Draußen ist es saukalt und ein starker Wind hat die ganze Nacht schon am Zelt gerüttelt. In der Dunkelheit gehen wir los. Die 1100 m müßten doch zu schaffen sein. Trotz Daunenjacke und Wärmehose kühlt man sofort aus. Wie in einem Eisschrank. Trotz strahlenden Wetters weht der Wind wie ein Riesenföhn über die Felsen, als wollte er alles davon fegen. Alle haben furchtbar kalte Finger. Fritz hat sich die Nase angefroren. Ein Weitergehen ist fast unmöglich. Bis 6300 m machen wir das Spiel des Leidens noch mit, dann ist der Biß weg. Aus der Traum -Leute das wars. - Wir gehören nun auch zu den 7 von 10 Expeditionen, die scheitern. Ausgefroren und niedergeschlagen erreichen wir wieder Lager 2 auf 5900 m. Sollen wir aufgeben oder warten - es ist zum Heulen. Wir ändern unsere Taktik. Warten so lange bis das Gas zu Ende ist. Knattert nachts das Zelt im Wind, bleiben wir liegen, dann haben wir eh keine Chance. Unsere vierte Nacht über 5000 m. Wieder piept um 5 Uhr der Wecker. Es knattert nichts. Die ganze Prozedur beginnt also von neuem. Kocher an, Schnee rein. Fritz friert sich noch die Finger an, als er ohne Handschuhe immer wieder Eisbrocken ins Zelt holt. Obwohl der Gaskocher durch den Rauhreif im Zelt eingeeist ist, funktioniert er noch prima. Während des Schmelzens schlafen wir wieder ein. Dann würgt jeder an seinem Müsli. Nie wieder Müsli, denke ich. Unser Appetit ist gleich Null. Keiner hat Lust nach draußen zu gehen. Aus Angst vor Erfrierungen wickeln Fritz und ich Alufolie um die Füße. Es soll helfen. Trotzdem werden die Füße den ganzen Tag nicht mehr warm. Erst um 8 Uhr 30 brechen wir auf. Keiner glaubt so recht daran, daß wir es heute schaffen könnten. |
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| Aufstieg Richtung Gipfel | "Canaletta" | Blick in die Südwand |
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Doch heute läuft alles bestens. Ich fühle mich saugut. Ein Japaner schließt sich uns an. Es ist sein vierter Versuch.Es ist fast windstill, aber sehr kalt. Auch der sogenannte Windkanal, eine Stelle, deren Querung infolge des wahnsinnigen Sturms, der hier tobt oft unmöglich ist, macht keine Schwierigkeiten. Mit den Steigeisen kommen wir schnell voran. Jeder geht sein eigenes Tempo. Walter ist schon weit voraus. Er will es heute wissen. Ich gehe mit dem Japaner. Wir fotographieren uns gegenseitig. Fritz ist noch weit unter uns. Dann noch die "Canaletta", ein 400 m hoher, steiler Geröllhang, zwischen 40 und 45 Grad steil, von 6500 bis 6900 m. Bei jedem Schritt rutscht ein Stück des Hanges ab, alles ist lose. Zwei große Schritte, drei kleine, dann auf die Skistöcke gebeugt und nach Luft hecheln. So geht das zwei Stunden lang. Dann bin ich auf dem Grat zwischen Süd- und Nordgipfel. Blick in die Südwand - wahnsinnig steil. Nur noch gut 100 Meter. Ich kann es gar nicht fassen. Sonst macht der Gipfel nachmittags zu, Wolken und Schneefall. Heute ist der Himmel wolkenlos, es ist fast windstill. Eine große Seltenheit - wirklich der perfekte Tag. Um halb vier Uhr bin ich oben. Der Japaner kommt auch. Wir umarmen uns, Tränen in den Augen. Walter wartet schon. Ganz Südamerika liegt uns zu Füßen. Der Foto läuft heiß. Aco.-Südwand, ich und die Südwand, Gipfelkreuz mit und ohne Wimpel. Walter und der Japaner, Walter und ich und der Aco., es nimmt kein Ende. Nach einiger Zeit kommt auch noch Fritz. Wir alle sind glücklich, daß wir es geschafft haben 6959 m oder 7035 m. Schuttberg oder Schneeberg. Im Verhältnis zu dem langen Aufstieg - wir sind nun seit neun Tagen unterwegs - ist unser Gipfelglück nur kurz. Nach einer Stunde wollen wir nur noch eines - wieder runter. Zuerst ins Hochlager 2. Wir sind zu müde um zu kochen. Keine Lust zum Essen. Erschöpft fallen wir in die Schlafsäcke. Dann hinunter ins Basislager. Hoffentlich sind Mulis da. Keiner hat Lust seine 30 kg Gepäck 12 Stunden nach Puente del Inca zu schleppen. Wir haben Glück. Wir freuen uns auf das erste Bier und auf die erste Dusche. Wieder in Mendoza, werden wir Stammgast bei Mama Theresa unserer Meinung nach das beste Lokal in Mendoza. Wir essen wie die Schaufelbegger, die ganze Speisekarte rauf und runter. Dann im Flugzeug auf dem Heimweg. Die Strapazen, die Kälte und die Entbehrungen sind schon wieder vergessen. Der Gewichtsverlust von 5 kg wieder ausgeglichen. Nur noch ein Gedanke: Jetzt haben wir fast 7000 m geschafft, wird es noch höher gehen? Die Zeit wird diese Frage beantworten. Wir werden sehen. © AD - Juni 1989 - fürs Internet überarbeitet Dez. 2002 |
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| Fritz unterhalb des Gipfels | Wir haben es geschafft! |
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