Denali Überschreitung
Vom Winde verweht

Wie sieht das Wetter aus? Wieder Nebel und Schneefall. Wieder ein Tag weniger. Seit 5 Tagen geht dieses Spiel nun so, hier im letzten Lager, unserem Lager VI auf 5300 m. Uns fehlen nur noch 900 Höhenmeter bis zum Gipfel.

Wir alle warten auf das Wunder vom McKinley. Es hört sich ganz einfach an: 1 Tag gutes Wetter und wir kommen auf den Gipfel, 2 Tage ohne Sturm und wir schaffen die Überschreitung. Dann dieser verhängnisvolle Funkspruch: "A big storm is coming in." Eigentlich der volle Hohn, wir sitzen doch schon seit Tagen mittendrin. Wir entscheiden schweren Herzens: So schnell wie möglich runter, nicht noch länger warten, Schluß mit diesem traurigen Spiel.

Die Seifenblase "Denali Skiüberschreitung" ist für uns geplatzt. Traurig war es dann schon, als wir mit unseren Riesenrucksäcken niedergeschlagen den Gletscher hinuntergezogen sind.

Am nächsten Tag ist bestes Wetter, absolute Windstille. Wenn wir einen Tag noch gewartet hätten, dann hätten wir eine Chance für den Gipfel gehabt. "Hätten und könnten" zählen nicht. Das Puzzle, im richtigen Moment am richtigen Platz zu sein, ging nicht auf. Und doch hat alles so gut begonnen.

Mount McKinley - eine ganze Berggruppe in Alaska trägt diesen Namen: Ein System von Eisgipfeln, fünf- und sechstausend Meter hoch, wird von Gletschern durchzogen, die 50 km lang sind. Diese Eisströme reichen von der Gipfelregion hinab bis in die Tundra und Wälder auf 1200 m Höhe. Da der Fuß des Massivs im Norden und Süden nur 300 bis 500 m über dem Meeresspiegel liegt, ist der Mount McKinley eine der größten Direkterhebungen unserer Erde.

Die Schlechtwetterfronten der Polarmeere prallen ungehindert auf ihn, Stürme von unvorstellbarer Kraft stempeln ihn zu einem der unwirtlichsten Plätze.

Aber er ist ein Berg, von dem eine große Faszination ausgeht. Auch uns hat er in seinen Bann geschlagen. Wir, das sind Christian Funke, Reinhold Kliegel und ich, wollen den Mt. McKinley mit Skiern überschreiten. Unsere Route: Von Süden über den Kahiltna Gletscher hinauf und 57 Kilometer Abfahrt über Harper und Muldrow Gletscher.

 Warten am Talkeetna Airport  Kahiltna Base Camp
 Kahiltna Base Camp  Schneetreiben und Nebel

Anchorage empfängt uns mit bedecktem Wetter. Unsere 120 kg schwere Ausrüstung wird noch einmal um 50 kg aufgestockt, Benzin und jede Menge Mountainfood. Amerika ist das Mekka für gefriergetrocknete Nahrung. Hier kauft der freeze-dry Gourmet: Lasagne, Beef stew, Chicken + rice, selbst Blaubeeren, Eis und Pudding landen in unseren Seesäcken.

Über den Alaska Highway erreichen wir Talkeetna, ein Goldgräbernest aus der Pionierzeit. Man könnte meinen die Zeit ist stehengeblieben, bis auf die Flugpiste am Ortsrand. Hier ist der Start für unser Abenteuer in die Gefrierbox. Gute 100 km trennen uns noch vom KahiltnaGletscher, der nur mit dem Flugzeug erreicht werden kann. Da nur auf Sicht geflogen wird, das Wetter aber schlecht ist, haben wir einen Tag Zeit zum Packen. Wir kalkulieren für 21 Tage. Alles was man so für 3 Wochen für 3 Personen braucht: Tee, Kaffee, Müsli, Schokolade, Mountainfood, Zelt. 2 Kocher und Töpfe, Isomatten, Schlafsack, Daunenbekleidung und Kletterzeug, Fotomaterial, Funkgerät und Erste-Hilfe-Box gilt es einzupacken, zu portionieren und zu verstauen. Nach 8 Stunden atmen wir auf, das Chaos hat sich gelichtet. Aus unzähligen Schachteln und Tüten sind drei vollbepackte Monsterrucksäcke und drei zum Platzen volle Seesäcke entstanden. Hinzu kommen noch unsere Ski, die Pickel und Steigeisen, 50 Markierungsstangen und 13 l Benzin. Das alles sollen wir nun 3 Wochen über den Gletscher schleifen, uns wird heiß und kalt, wenn wir daran denken. Alaska ist nicht Nepal, wo man für 3 US $ am Tag alle Trageprobleme lösen kann. Hier trägt "man" noch selbst, Geld macht nicht alles möglich.

Eingezwängt wie in eine Sardinendose, ein Pilot, drei Plätze, im Schwanz der einmotorigen Cesna unser Gepäck, so fliegen wir über endlose Wälder und Seen, Richtung McKinley. Nach 30 minütigem Flug, unterwegs kurbelt der Pilot noch die Schneekufen runter, landen wir am Kahiltna-Gletscher auf 2100 m.

Das Betreten des Gletschers ist ein Eintritt in eine Arena der polaren Wildnis. Links der Mt. Foraker mit 5300 m, rechts die eisige Nordwand des Mt. Hunter. In der Mitte unser Ziel der Denali, 4000 m höher und ca. 35 km vom Landeplatz entfernt. In der kleinen Zeltstadt ist ein Kommen und Gehen, die Einsamkeit am Berg ist auch hier schon lange vorbei.

Am nächsten Tag beginnt unser langer Weg. Buckeln und Schleifen ist für die nächsten Tage angesagt. Wegen des großen Gepäcks, das jede Gruppe zu bewegen hat, trägt man nicht nur einen schweren Rucksack, nein, hinten am Rucksack wird noch ein vollbepackter Kinderschlitten drangehängt. Es dauert einige Zeit bis man mit dieser Last, dazu noch angeseilt, sich zügig als Dreierseilschaft am Gletscher bewegen kann. Wegen der besseren Akklimatisation gehen wir jede Etappe zweimal. Am ersten Tag: Materialtransport und Herrichten des neuen Lagerplatzes, am zweiten Tag mit dem Restmaterial, den Kochern und dem Zelt nachrücken.

 Aufstieg zum Lager III  Blick auf Lager III

 Armin unser Chefkoch  Freeze dried Gourmet

In den ersten Tagen nur Wetter Marke "Waschküche". Aber wir kommen gut voran. Die Sicht reicht meist nur bis zum Vordermann am Seil. Oben weiß, unten weiß, 360 Grad Rundumblick, alles weiß, auf englisch das gefürchtete "white out". Nur an den Markierungsstangen kann man im Sturm den Weg durch die riesigen Gletscherspalten ahnen. Nach drei Tagen im Sturm dann der totale Wetterwechsel. Zum ersten Mal sehen wir mehr als nur die Hand vor den Augen. Mt. McKinley, Mt. Hunter und Mt. Foraker sind zum Greifen nahe. Eis und Schnee soweit das Auge reicht. Die Sonne brennt wie mit dem Brennglas in das Gletscherbecken. Wir schwitzen bei unserer Schlepperei wie die Schweine und messen 32 Grad plus in der Sonne. Am nächsten Tag finden wir im Schneesturm nur mit Mühe unser Lager wieder, als wir von einem Materialtransport zurückkommen. Die Lagerplätze machen den Eindruck von Maulwurfsbauten. Je tiefer das Zelt im Schnee steht, desto wärmer, je höher die Schneemauer um das Zelt ist, desto windsicherer.

Reinhold macht sein Meisterstück im Mauern.Selbst im Sturm zieht er eine Schneemauer nach der anderen hoch. Der Sturm dauert zwei Nächte und einen Tag. Trotz der mannshohen Schutzmauern schaut von unserem Zelt nur noch das oberste Drittel aus den Schneemassen hervor.

Kurz unterhalb von "Windy corner" macht sich Christians Lastschlitten selbständig, die 3 mm Zugschnur war gerissen. Der Schlitten mit Steigeisen, 4l Sprit und 4 Tage Verpflegung saust den steilen Hang hinunter. Wie durch ein Wunder bleibt er vor einem Seracabbruch im Schnee stehen. Das "windige Eck" macht seinem Namen keine Ehre. Wir sind froh darüber. Andere Teams mußten hier die schlimmsten Passagen auf dem Bauch kriechend überwinden.

 Wohl das kälteste Klo, Lager IV  Reinhold unser deutschmann "Sherpa"

 An den Fixseilen zur West Buttress  West Buttress

Lager V steht in einem großen Gletscherbecken auf 4200 m. Neun Tage Lasten tragen von A nach B. Wir sind nur noch müde Tragemenschen mit angewachsenem Rucksack und Schlitten. Trotzdem sind wir alle bester Dinge und stellen optimistische Hochrechnungen bis zum Gipfel an.
Jetzt steigern sich die Schwierigkeiten. Eine 800 m hohe Eisflanke führt auf den Westgrat. Wir wechseln die Ski mit den Steigeisen, ab jetzt müssen wir auch noch die Skier tragen. Wie Fliegen an der Wand hängen wir mit unseren großen Rucksäcken in den Fixseilen von früheren Expeditionen, die diese zur Absicherung eingehängt hatten. Reinhold buckelt wie ein Tier. Sein Rucksack ist so schwer, daß wir beim Aufsetzen und Aufstehen helfen müßen. Unter großen Anstrengungen klettern wir über den ausgesetzten Westgrat zum letzten Lager unter dem Denalipaß. In den Alpen wäre der Grat eine lohnende Hochtour, aber hier auf über 5000 m mit den schweren Rucksäcken ist es eine große Schinderei.

Hier 900 m unter dem Gipfel beginnt unsere 5tägige Leidenszeit. Täglicher Nebel und Schneefall wechseln sich mit Orkanböen um die 100 Stundenkilometer ab. Wir hoffen und warten. Müde und apathisch beginnen wir hier jeden Tag unsere Frühschicht: Schnee schmelzen, Herunterwürgen des Haferflocken-Frühstücks, Herrichten der Bergausrüstung. Draußen wieder Sturm. Ein Höhersteigen wieder unmöglich. Genauso gut könnte ich mich zu Hause im Kühlschrank verstecken. Alle anderen drehen um. Wir wollen noch warten.

Die Zeit läuft uns davon. Die Überschreitung ist schon längst im Sturm gestorben. Täglich schaufeln wir unser Zelt aus den Schneemassen. Wenigstens noch den Gipfel als Lohn für all unsere Mühen. Dieser sinnlose Quadratmeter mit doch so tiefer Bedeutung. "Erst nach dem Gipfel bist du frei", heißt es. Alle Hoffnung vergebens. Wir steigen ab.

Nur 20% aller Gipfelanwärter kamen in diesem Jahr bei diesen Wetterbedingungen bisher zum höchsten Punkt. Wenigstens sind wir nicht alleine. Schon viele andere sind an diesem Berg gescheitert, der Verhältnisse aufweist, wie rund 1000 m höhere Himalaya-Gipfel.

© AD - Juni 1990 - fürs Internet überarbeitet Dez. 2002

 Tagelang nur Schneeschaufeln, Lager V, 5300 m  Traurig treten wir den Rückzug an.


zurück